ich bin die, die niemand sieht

11 Mai 2016

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An dem Tag,  an dem ihre beste Freundin ermordet wurde, verschwand Judith. Jahre später kehrt sie plötzlich zurück. Stumm. Eine schreckliche Tat raubte ihr die  Stimme. Niemand weiss, wo sie gewesen und was mit ihr geschehen ist. Sie lebt als Aussenseiterin in ihrer kleinen Gemeinde. Schweigend muss sie mit ansehen, wie ihre grosse Liebe Lucas im Begriff  ist, eine andere zu heiratenn. Aber als ihr Dorf und die Menschen, diei sie liebt, bedroht werden, muss sie ihr Schweigen breechen und ihr Geheimnis lüften. Denn nur wenn sie die Wahrheit über die schrecklichen Ereignisse in der Vergangenheit offenbart, wird sie ihr Dorf und ihre grosse Liebe retten können. 



'Ich bin die, die niemand sieht' von Julie berry habe ich mir an der Frankfurter Buchmesse (ja, vor anderthalb Jahren) gekauft. Ich habe noch nie vorher davon gehört und ehrlich gesaft liess der Klappentext keine wahnsinnig originelle Geschichte erahhnen. Trotzdem griff ich die Tage zu deem Buch und wurde im ein oder anderen Fall überrascht.

Julie Berry sagte mir ja gar nichts, die Sprache der Autorin ist aber einzigartig und poetisch. Gekonnt lässt sie die Aneinandergereihten Wörter ein zärtliches, ruhiges Lied für die Leser singen, fast schon lieblich, welches sich aber genauso grausam und verletzend anhören kann, wenn die Protagonistin Judith beispielsweise Leid erfährt. Sie selbst hat keine Stimme - sie ist stumm, denn ihr fehlt ein Stück der Zunge. Genauso brutal wie es sich anhört wurde es ihr entfernt. Von ihrem Entführer, bei dem sie zwei Jahre lang hauste. Dann kehrt sie in ihr Dorf zurück, um alles verändert vorzufinden. Ihr Vater ist nicht mehr am Leben und deswegen ist nun ihr Bruder der Mann im Haus. Und Lucas, in den sie seit geraumer Zeit verliebt ist, scheint die Heirat mit einer anderen vorzubereiten. Im Dorf ging das Leben nämlich  weiter. Nach ihrer Rückkehr wird Judith aber nicht himmelhochjauchzend empfangen, wie man es erwartet, sondern als Aussätzige behandelt.

Tatsächlich hat sich mein Verdacht bestätigt - die Geschichte ist nicht was man nicht schon mal ähnlich irgendwo gelesen hat. Denkt man zumindest ziemlich lang. Ich kann euch eins verraten: Im Buch ist nichts so, wie es scheint. Manchmal ist es total überliefert, dann erschreckend direkt. Manches ist wahr, manches darf man nicht glauben. Aber, da geb' ich unserer ersten Vermutung recht, die Grundgeschichte baut auf einem altbekannten Prinzip aus und ist nicht das Originellste vom Originellsten.

Vielmehr zeichnet diesen Roman, wie schon erwähnt, die gefühlsstarke Erzählstimme aus, genauso wie die anderen Details und die spannenden Thematiken, die Julie Berry feinfühlig und gekonnt in das Buch eingebaut hat. Judith erwähnt während den kurzen, manchmal nur ein paar Sätze langen Abschnitten oder Kapitel immer wieder diese eine Person, die sie in der zweiten Person Singular anspricht. 'Du' ist Lucas, in den Hochzeitsvorbereitungen steckend. Wenn man das hört, nimmt man an, sie widmet ihm das Buch also, aber so wirkte es auch nicht auf mich. Sie erzählt für sich selbst.  Denn sie kann nicht sprechen, sich nicht ausdrücken und wird deswegen für dumm gehalten und auch so behandelt (eine schöne Thematik, welche auch schon ausführlicher und anders im Buch 'Mit Worten kann ich fliegen', hier rezensiert behandelt wurde). Deswegen nehme ich an, dass das Ganze für sie selbst ist, sie für sich schreibt.

Man kann das Buch aber klar von Werken mit ähnlichem Setting trennen, weil wir uns von Beginn an in einem ganz anderen  Szenario oder Verhältnis wiederfinden. Denn es sind andere Dinge gegeben als üblich. Dass das Buch nicht in der heutigen Zeit und ausserdem in einer streng religiösen Gemeinschaft spielt, wird schnell klar, aber weder Datum noch Or sind gegeben. Wir wissen von Beginnn an, wer wofür verantwortlich ist oder verstehen gleichzeitig mit den Charakteren. Wider Erwartens spielt auch Missbrauch keine Rolle, dafür wird anderes, zum Beispiel die Situation in der Schule in einer solchen Gemeinschaft für Mädchen und Jungen genau beschrieben.

Insgesamt ein feinfühliges und grossartiges Werk, welches viel mehr an sich hat, als man vielleicht erwartet und welchem ich mehr Aufmerksamkeit wünsche. Ich kann es nur empfehlen.



cbj / 320 Seiten / Kartoniert / Original Englisch 'All The Truth That's In Me' / übersetzt von Stefanie Singh / 8.99 Euro
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